1 Einleitung
Informationsasymmetrien zählen zu den in der Literatur häufig hervorgehobenen Treibern der Hypothekarmarktkrise 2007/2008.1 Marktteilnehmer verfügten über sehr unterschiedliche Kenntnisse hinsichtlich Struktur, Risiko und Funktionsweise komplexer Hypothekarmarktprodukte. Die daraus resultierenden Wissensvorsprünge einzelner Akteure trugen zu Fehlbewertungen, Fehlanreizen und letztlich zu einem erheblichen Vertrauensverlust in den Finanzmärkten bei.
Als Reaktion auf die wahrgenommenen Unzulänglichkeiten zentralisierter Finanzintermediäre entstand im Umfeld der globalen Finanzmarktkrise mit Bitcoin erstmals ein dezentral organisiertes Datenbanksystem auf Basis der Technologie verteilter Register (engl. Distributed Ledger Technology, DLT). Die zugrunde liegende Idee bestand unter anderem darin, Vertrauen nicht länger primär durch zentrale Institutionen, sondern durch technische Konsensmechanismen, Transparenz und kryptografische Verfahren sicherzustellen. Ironischerweise ist jedoch auch das auf dieser Technologie aufbauende Krypto-Ökosystem von erheblichen Informationsasymmetrien geprägt. Technologisch versierte Marktteilnehmer verfügen regelmäßig über deutlich weitergehende Kenntnisse hinsichtlich Funktionsweise, Risiken, Governance-Strukturen und ökonomischer Anreizmechanismen als weniger informierte Anleger oder Nutzer von Kryptowerte-Dienstleistungen.
Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie Informationsasymmetrien im Kryptomarkt reduziert werden können und welche Rolle regulatorische Kompetenzanforderungen hierbei spielen. Der vorliegende Beitrag analysiert Krypto-Literacy als spezifische Form digitaler Finanzkompetenz und untersucht, wie Wissen, Kompetenzen und kontinuierliche berufliche Weiterbildung (engl. Continuous Professional Development, CPD) unter der Verordnung über Märkte für Kryptowerte (engl. Markets in Crypto-Assets Regulation, MiCAR) und den hierzu veröffentlichten Leitlinien der Europäischen Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde (engl. European Securities and Markets Authority, ESMA) zunehmend zu einem aufsichtsrechtlichen Referenzrahmen für Anbieter von Kryptowerte-Dienstleistungen (engl. Crypto-Asset Service Providers, CASPs) werden.
Zugleich greift der Beitrag die Erfahrungen aus der Hypothekarmarktkrise 2007/2008 als analytische Vergleichsfolie auf. Der Vergleich dient nicht der Gleichsetzung beider Märkte, sondern der Untersuchung strukturell ähnlicher Informationsasymmetrien und Marktversagensmechanismen. Die Analyse historischer Parallelen soll dazu beitragen, Risiken asymmetrischer Information im Kryptomarkt besser einzuordnen und die Bedeutung institutionalisierter Krypto-Kompetenz für Marktintegrität, Governance und Anlegerschutz herauszuarbeiten.
Der Beitrag ist wie folgt aufgebaut: Zunächst werden Informationsasymmetrien und Marktversagen im Kryptomarkt theoretisch eingeordnet. Anschließend wird Krypto-Literacy als Ansatz zur Reduktion von Informationsasymmetrien definiert und konzeptionell abgegrenzt. Darauf aufbauend werden ausgewählte Parallelen zur Hypothekarmarktkrise 2007/2008 analysiert. Im Anschluss untersucht der Beitrag die regulatorische Operationalisierung von Krypto-Kompetenz unter MiCAR und den ESMA-Leitlinien. Der letzte Abschnitt diskutiert die daraus resultierenden Governance- und Kompetenzimplikationen für CASPs.
3 Krypto-Literacy als Ansatz zur Reduktion von Informationsasymmetrien
Eine einheitliche Definition von Krypto-Literacy (engl. Crypto Literacy) existiert bislang nicht. Im Rahmen dieses Beitrags wird Krypto-Literacy als Bündel von Kenntnissen, Kompetenzen und praktischen Fähigkeiten im Zusammenhang mit Technologien verteilter Register, Kryptowerten und Kryptowerte-Dienstleistungen verstanden. Krypto-Literacy stellt damit einen Teilbereich digitaler Finanzkompetenz dar, geht jedoch über ein allgemeines Verständnis der Blockchain-Technologie hinaus. Der Begriff umfasst nicht lediglich ein grundlegendes Bewusstsein für die Existenz von Kryptowerten oder DLT-basierten Geschäftsmodellen, sondern ein vertieftes Verständnis technischer, wirtschaftlicher, regulatorischer und organisatorischer Zusammenhänge.
Im Sinne der von der Europäischen Union und der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (engl. Organisation for Economic Co-operation and Development, OECD) entwickelten Kompetenzrahmen für digitale Finanzkompetenz kann Krypto-Literacy als krypto-spezifische Ausprägung digitaler Finanzbildung verstanden werden.3 Diese Kompetenzrahmen definieren digitale Finanzkompetenz als Kombination aus Wissen, Fähigkeiten, Einstellungen und Verhaltensweisen, die Individuen dazu befähigen sollen, digitale Finanzdienstleistungen informiert und verantwortungsvoll zu nutzen. Kryptowerte werden hierbei ausdrücklich als eigenständiger Risikobereich adressiert, primär im Zusammenhang mit Risiko-Rendite-Abwägungen, Marktvolatilität, Betrugsrisiken und digitalen Sicherheitsanforderungen.
Der vorliegende Beitrag geht jedoch über eine rein verbraucherorientierte Perspektive hinaus. Für CASPs stellt Krypto-Literacy nicht nur eine individuelle Wissenskomponente einzelner Mitarbeiter dar, sondern zunehmend auch eine institutionelle Kompetenzanforderung. Krypto-Literacy umfasst hierbei insbesondere die Fähigkeit, technische Funktionsweisen, Governance-Strukturen, ökonomische Anreizmechanismen, regulatorische Anforderungen sowie operationelle Risiken und Cyberrisiken von Kryptowerten sachgerecht einzuordnen und in Geschäfts-, Risiko- und Compliance-Prozesse zu integrieren.
Die Bedeutung institutionalisierter Krypto-Literacy ergibt sich unmittelbar aus den zuvor beschriebenen Informationsasymmetrien im Kryptomarkt. Technologisch versierte Marktteilnehmer verfügen häufig über erhebliche Wissensvorsprünge gegenüber weniger informierten Anlegern oder Nutzern von Kryptowerte-Dienstleistungen. Können CASPs diese Wissensasymmetrien nicht hinreichend nachvollziehen und bewerten, besteht die Gefahr fehlerhafter Produktbewertungen, unzureichender Risikoaufklärung oder unangemessener Governance- und Kontrollstrukturen. Krypto-Literacy dient damit nicht nur der individuellen Wissensvermittlung, sondern dürfte zugleich zur Stabilisierung von Marktvertrauen und Marktintegrität beitragen.
Die Vermittlung von Krypto-Literacy erfolgt mittlerweile durch eine Vielzahl unterschiedlicher Akteure. Hochschulen und Business Schools etablieren spezialisierte Studien- und Weiterbildungsprogramme im Bereich Blockchain und Digital Assets. Branchenverbände, Thinktanks und Interessenvertretungen entwickeln Informations- und Trainingsangebote für Marktteilnehmer. Beratungsunternehmen, Handelsplattformen und spezialisierte Kanzleien veröffentlichen Schulungs- und Informationsmaterialien, während Aufsichtsbehörden zunehmend Leitlinien, Konsultationen und Fachveranstaltungen zu kryptobezogenen Themen bereitstellen. Parallel hierzu konkretisieren regulatorische Rahmenwerke die Kompetenzanforderungen für CASPs zunehmend auch auf aufsichtsrechtlicher Ebene.
Eine abschließende Definition aller Teilbereiche von Krypto-Literacy ist aufgrund der hohen technologischen und regulatorischen Dynamik des Kryptomarktes kaum möglich. Die relevanten Kompetenzanforderungen verändern sich fortlaufend im Zuge neuer technologischer Entwicklungen, regulatorischer Anpassungen und neuer Geschäftsmodelle. Gleichwohl lassen sich zentrale Kompetenzfelder identifizieren, die für CASPs von besonderer Bedeutung sind.
Hierzu zählen insbesondere:
- technische Grundlagen verteilter Register und kryptografischer Verfahren,
- Konsensmechanismen, Validierungsprozesse und Netzwerkstrukturen,
- Marktstrukturen und Akteure des Krypto-Ökosystems,
- Funktionsweise von Kryptowährungen, Stablecoins und Smart Contracts,
- Tokenisierung und DLT-basierte Geschäftsmodelle,
- regulatorische, rechtliche und steuerliche Anforderungen,
- Geldwäscheprävention, Marktintegrität und Cyberrisiken sowie
- Governance-, Risiko- und Compliance-Anforderungen für CASPs.
Diese Kompetenzfelder verdeutlichen, dass Krypto-Literacy nicht auf technisches Spezialwissen reduziert werden kann. Vielmehr handelt es sich um einen interdisziplinären Kompetenzrahmen, der technische, ökonomische, regulatorische und organisatorische Aspekte miteinander verbindet. Krypto-Literacy wird damit zu einer institutionellen Governance-Frage.
Tabelle 1: Deutsche Institute mit MiCAR-Lizenz; Stand 04.05.2026; Quelle: ESMA (2026b); eigene Darstellung.

Über den Autor
Dr. Fidelio Tata ist Professor für Finance an der International School of Management sowie von der Industrie- und Handelskammer zu Berlin öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Wertpapiere und Derivate.
